Arbeiten und Leben in den USA

Hach ja, die Vereinigten Staaten von Amerika. Wie viele träumen davon sich gerade dort zu verwirklichen – Schauspieler werden, Musiker, oder einfach nur mit einer Geschäftsidee Erfolg haben (reich werden?! ;)). Ich glaube mittlerweile habe ich von fast jedem in meinem Bekanntenkreis schon mal gehört: „Oh ja, USA, da mal Leben wär cool.“ Ich habe das eher mit gemischten Gefühlen gesehen.

Vor dem Aufenthalt habe ich immer mehr den Eindruck einer paranoiden, Terror-verängstigten Gesellschaft bekommen. Nicht nur wegen der ganzen Nachrichten, die man im Internet oder TV so mitbekommt, sondern auch, da ich bei der Durchreise in Miami vier Stunden von der Polizei festgenommen wurde wegen Verdacht auf Terrorismus. Es ging ja zum Glück gut aus, es haben alle festgestellt, dass mein vorheriger Aufenthalt in Ägypten nichts mit einem Terrorcamp zu tun hatte, sondern wirklich nur mit einem Urlaub am roten Meer. Aber die Erinnerung bleibt.

Ich will aber keine Schwarzmalerei veranstalten, schließlich habe ich mich trotz allem dazu entschlossen (in einer Gruppe) ein Praktikum in den USA zu absolvieren.

Dank des betreuenden Unternehmens sind die organisatorischen Aufwände vor der Reise recht gering. Ein Visum für eine nur zwei monatige Geschäftsreise ist auch nicht von Nöten. Allein die Beantragung der ESTA-Einreisegenehmigung (14,00 US$ online möglich) musste vorab getätigt werden.

Da ich das Praktikum aus meiner Sicht schildere und nicht immer mit der Gruppe gemeinsam unterwegs war, werde ich den restlichen Artikel in der ich-Form schreiben.

Wie auch schon bei meinem Praktikum in Mexiko habe ich vorab Kontakt zu der Abteilung und den Betreuern aufgenommen. Es stand also alles bei Reiseantritt fest. Das Ziel hieß Mount Vernon in Illinois, USA.

Ich bin wieder am Wochenende angereist, abgeholt worden und konnte mich bis zum ersten Arbeitstag ein wenig an die Zeitumstellung und die neue Umgebung gewöhnen. Bei ca 40°C und einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit war besonders die Gewöhnung an die Umgebung schwer. In geschlossenen Räumen sind Klimaanlagen üblich, die natürlich nicht auf angenehme 22-24°C kühlen, sondern auf ca 18-20°C. Und das wirklich in allen geschlossenen Räumen: Supermärkte, Restaurants, Bars, Büro, … . Ich bin die meiste Zeit mit T-Shirt rumgelaufen und habe einen Pullover mitgenommen, um Innen nicht zu frieren :) .

Das Arbeiten war – allein durch die deutsche Produktionsleitung – sehr ähnlich zum deutschen Industrial Engineering. Und doch waren die meisten Mitarbeiter und Führungskräfte US Amerikaner und die Zusammenarbeit war doch etwas anders. Ich musste mir viele Informationen sehr mühsam einholen, da die Mentalität eher ruhig und gelassen ist ;) . Bei Terminabsprachen gibt es weder Pünktlichkeit, noch Vorbereitung oder manchmal gar die Anwesenheit aller Teilnehmer. Man bearbeitet trotzdem alles. Es funktioniert auch in gewissem Maße. Informationen gehen zwischenzeitlich unter und bei der Kommunikation werden mehr persönliche Themen ausgetauscht (Sport, Motorrad, …), als geschäftliche, und dennoch schleichen sich wichtige Informationen für das Berufsleben mit ein. Man muss nur aufmerksam bleiben und damit rechnen,  dass ein deutsches 10-Minuten-Meeting locker mal 2-3 Stunden vor Ort kostet. Dafür weiß man auch alles über den letzten Familienurlaub, die Motorradtour oder Hobbies und Sport. Soziale Themen fließen mit den beruflichen zusammen und es kann sehr angenehm sein unter solchen Umständen arbeiten zu können, allerdings ist Zeitdruck nicht möglich. Es wird einfach nicht wahr genommen, Deadlines nicht beachtet. Druck im Allgemeinen führt bei Mitarbeitern zu nichts, oder sogar zu Blockaden. Aktuelle Produktionszahlen und Vergleiche mit Kapazitäten und Maschinenfähigkeiten werden nicht nur ignoriert, sondern nicht ein mal toleriert. Als Produktionsingenieur ist es zwar etwas frustrierend die „Produktivität“ vorantreiben zu wollen und dies aufgrund der Einstellung „ich arbeite um zu leben“ einfach nicht vorantreiben zu können. Aber (ganz dickes aber) gesellschaftlich und sozial ist es ein so angenehmes Arbeitsumfeld, nicht mit Kollegen, sondern mit Freunden zu arbeiten. Nicht Termine und Deadlines einhalten zu müssen, sondern innerhalb eines Toleranzbandes die verfügbare Kapazität zu nutzen (und zwar so, dass man sich auch während der Arbeit wohl fühlt). Und vor allem in Zusammenarbeit mit Ingenieuren, Maschinenbedienern und der Instandhaltung gemeinsame Lösungswege für Probleme zu finden. Eine solche Bereitschaft das Wissen zu teilen, habe ich in Deutschland nie erlebt. Denn hier hieß es ganz oft:

Maschinenbediener:“Die Instandhaltung fuchtelt an unseren Maschinen rum, und dann funktioniert nichts mehr!“

Instandhaltung: „Die Ingenieure denken sich irgendeinen völlig realitätsfernen Kram aus, und wir sollen das irgendwie installieren!“

Ingenieure:“Da gibt man der Instandhaltung einen Auftrag, die brauchen viel zu lange, um diesen umzusetzen und haben ewig Probleme und die Maschinenbediener bedienen die Maschine dann auch noch falsch!“

Kommunikation untereinander ist in Deutschland aufgrund der Hierarchie wesentlich schwieriger. Viele sehen den Gegenüber nicht als Hilfe, sondern als Übel. In den USA haben alle Parteien miteinander über bestehende Probleme und Lösungen gesprochen. So können alle ihre Erfahrungen, Ideen und Bedenken mit einbringen. Die Identifikation mit der Änderung oder Erneuerung ist viel höher und die Auseinandersetzung mit neuen Maschinen, Methoden und Bedienungen ist viel höher. Natürlich hat auch diese Methode nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile. Wie schon anfangs beschrieben, werden Gespräche nicht ausschließlich über das Projekt geführt, sondern auch über private Themen. Zusätzlich sitzen nicht drei oder vier Parteien zusammen, sondern wesentlich mehr. Eine für alle zufriedenstellende Lösung zu finden ist nicht möglich, und Kompromisse und Diskussionen kosten Zeit.

Während der zwei Monate, die ich in den USA tätig war, habe ich ein paar wenige Teilziele des Projektes, das ich bearbeitet habe, sehen können. Aber nicht einmal Umsetzungen und auch noch kein komplettes, strukturiertes Layout.

Ich habe natürlich nicht nur gearbeitet, auch in den USA gab es Feierabend und Wochenende. Meistens haben wir Ausflüge in Gruppen gemacht, ich bin jedoch auch allein, z.B. nach Kankakee zum tauchen gefahren. Da wir in einer geschlossenen Gruppe in der Abteilung aufgetreten sind, hatte natürlich niemand (wie in Mexiko) das Bedürfnis uns „an die Hand zu nehmen“ und interessante Orte zu zeigen, aber wir haben dennoch immer hilfreiche Tips bekommen.

„Do not go to East St. Louis. Seriously, don´t even drive through it!”

Ein Tip, den wir alle dankbar annahmen. Bei unseren regelmäßigen Ausflügen ins ca. 1,5Stunden entfernte St. Louis sind wir stets auf der hellen Seite der Stadt geblieben ;).

In den USA gibt es leider nicht alle 5 Fahrminuten ein Dorf oder eine Stadt. Wenn ich zu anderen Ortschaften fahren wollte, musste ich mindestens eine Stunde fahren. Die kleineren Dörfchen, wie Germantown oder Carpondale waren zwar ganz nett, aber nicht nennenswert (fahrt bitte nicht hin, das war so langweilig ;) ). St. Louis ist mit ca. 1,5 bis 2 Stunden die am nächstgelegene größere Stadt.

Beim ersten Ausflug nach St. Louis war „The Arch“ natürlich Pflichtprogramm. Auf der Tagesplanung standen noch wesentlich mehr Punkte, aber nach ca. 4Stunden anstehen zum hochfahren, waren diese vorerst gestrichen.

Ein kleiner Aufzug brachte alle Passagiere zum oberen Abschnitt des Bogens in dem man eine grandiose Sicht über St. Louis hatte.

Bei den nächsten Ausflügen wurden dann die Shopping-Hallen von St. Louis gestürmt. Es gab zwar einige schöne Angebote, zusätzlich gereizt durch den günstigen Dollar-Kurs, aber für größere Investitionen hat es dann doch nicht gereicht.

„You have to visit Chicago!“

Natürlich bin ich zu dem ca. 4Stunden entfernten Chicago gefahren! Eine unglaublich schöne Stadt! Angefangen vom Navy Pier, über das Skydeck bis zum Water Tower habe ich alles von einem Touri-Bus aus besichtig ;). Nein, Scherz beiseite, bei jedem Touri-Magneten habe ich natürlich einen Abstecher gemacht, bin das Sky Deck hochgefahren und über den Navy Pier geschlendert. Natürlich gab es Mittagessen sowohl im Hard Rock Café, als auch Original Chicago Pizza (der Wahnsinn, sieht wie sehr hoher Käsekuchen aus). Ein Wochende hat natürlich nicht ausgereicht alles in Chicago zu besichtigen, aber zumindest ein paar Highlights durfte ich erleben.

Was ist schon eine Reise ohne Tauchtrip…

Als einzige Taucherin der Gruppe habe ich mich allein auf den Weg in das ca. 1 Stunde südlich von Chicago liegende Kankakee gemacht. Dort im „Haigh Quarry“ war ich ein ganzes Wochenende tauchen. Gerade für Anfänger ist der kleine See eine sehr schöne Gelegenheit Orientierung zu schulen und mit Dunkelheit und Kälte umzugehen. Das klingt jetzt etwas dramatisch. Natürlich ist es auch einfach schön dort zu tauchen, weil Haigh Quarry eine stillgelegte und unter wassergelegte Mine ist. Alte Gerätschaften (und neu hinzugelegte) wie Fahrzeuge, ein Flugzeug und ein Boot liegen als Wrack unter Wasser. Ein paar Fische genossen auch unsere Gesellschaft und haben sogar an den Tauchern gepickt, wenn die Besucher nichts zum Füttern dabei hattten J.  Meine kleine Tauchgruppe bestand auch einem Ex-Navy, einem Buchhalter und einer Medizinerin. Eine sehr lustige Truppe nicht nur über, auch unter Wasser.

Abschließend noch kurz zur Mobilität allgemein J. Mit dem Auto in den USA durch die Gegend zu fahren war eine sowohl angenehme, als auch unangenehme Erfahrung. Auf den Highways besteht eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 65mph (ca 130km/h). Innerorts wird die Begrenzung lustigerweise nicht so ernst genommen, selbst die Polizei fährt grundsätzlich zu schnell (auch ohne Blaulich und Einsatz ;)), aber auf den Highways kennen sie keinen Spaß… Ein grundsätzlicher Orientierungssinn bei längeren Fahrten wär schon nicht schlecht, denn Navigationsgeräte sind einfach nicht üblich. Allerdings (muss selbst ich sagen) sind die Streckenbeschreibungen und Beschilderungen an den Highways so eindeutig, dass es einem schwer fällt in die falsche Stadt oder gar in die falsche Richtung zu fahren. In einem neuen Ort einen bestimmten Punkt zu finden (ein Hotel oder Tauchsee) ist dann schon schwieriger, allerdings hilft hier GoogleMaps und jede Menge hilfsbereiter Passanten J.  Eher schockierend ist die verschwenderische Einstellung der US Amerikaner. Wenn man aus Versehen die Klimaanlage zu kalt gestellt hat, macht man einfach das Fenster auf, bis es wieder schön warm wird, anstatt die Klimaanlage runterzustellen. Während man im Supermarkt einkauft oder tankt muss der Wagen natürlich weiterlaufen, damit es Innen schön kalt bleibt. Und selbst wenn man keine Klimaanlage hat und eh alle Fenster im Wagen offen sind, kann man ja beim Tanken das Auto anlassen…

Bei dem Thema Verschwendung möchte ich nur ganz, ganz kurz einen Absatz über die Ernährung vor Ort schreiben. In den USA ist es üblich, dass beide Elternteile, bzw. beide Beziehungspartner arbeiten. Das mag jetzt sehr positiv und gleichberechtigt klingen (ich habe keine weibliche Führungskraft gesehen), aber weil keiner zu Hause ist, macht auch keiner Essen. Logisch. Also wird außerhalb gegessen. Jeden Tag wird in Restaurants gespeist (auch MC Donalds, Wendys, … etc sind Restaurants). Selbst Sonntag früh wird in der Waffle-Company Spaghetti und Pancakes gefrühstückt… Und bei den riesigen Portionen wird nach dem Motto: Schaufel rein was passt, der Rest wird weggeworfen, gegessen.

Hach, was eine schöne Erfahrung auch mal in den USA gelebt und gearbeitet zu haben. Aber ich muss sagen, für einen längeren Zeitraum wär es mir zu warm, das Essen zu fettig und die Wege zwischen den Städten zu lang (die Amis und ihre Superlativen ;)).

(Ich habe hier natürlich auch ein paar Sachen weggelassen, um den Rahmen nicht völlig zu sprengen, aber falls Ihr noch konkrete Fragen habt, sprecht mich einfach an!)

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